Herzlich Willkommen 
                                                                                Für Betroffene, die im anderen Körper gefangen sind.
Trans Hilfe Elmshorn 
 

Fremd im eigenen Körper
Transsexuelle leben mit dem Gefühl, dass sie mit dem falschen Geschlecht zur Welt gekommen sind. Manche entscheiden sich für geschlechtsangleichende Operationen. Aber der Weg dahin ist beschwerlich.

Transsexuelle haben das sichere Gefühl, im falschen Körper gefangen zu sein. Sie sehnen sich nach einem Leben im anderen Geschlecht und versuchen, sich auch äußerlich diesem so weit wie möglich anzugleichen. Das hat nichts mit der Lust an Verkleidung zu tun. Ebenso wenig heißt das, dass sie lesbisch oder schwul sind. Transsexuelle scheinen zwar nach biologischen Kriterien Mann oder Frau zu sein - ihr Erbgut und ihre Hormone sind eindeutig. So einfach ist es aber nicht: Tatsächlich stimmt ihr Geschlecht nicht mit diesen sicht- und messbaren Geschlechtsmerkmalen überein.

Diese innere Gewissheit ist dauerhaft. Dabei erweckt der Begriff Transsexualität den Anschein, es handele sich um ein sexuelles Problem. Das ist falsch. Es geht den Betroffenen nicht um Sex, sondern um Identität. Deshalb bezeichnen sie sich selbst lieber als "Transidente". In den aktuellen Klassifikationssystemen für psychische Krankheiten - etwa dem DSM-5 - wird der Begriff Transsexualität ebenfalls nicht mehr verwendet. Stattdessen ist dort die Bezeichnung Geschlechtsdysphorie zu finden, ein Begriff, der das emotionale Leiden an der fehlenden Übereinstimmung zwischen Körper und Psyche beschreibt. Transsexuelles Erleben und Verhalten als psychische Erkrankungen zu sehen, gilt mittlerweile ebenfalls als überholt.

Transsexualität ist keine Krankheit, auch wenn sie nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation und nach dem medizinischen Diagnose-Katalog ICD-10 noch immer zu den "Störungen der Geschlechtsidentität" zählt. Dennoch geraten viele Betroffene wegen des falschen Geschlechts in eine seelische Krise, deshalb suchen sie therapeutische Hilfe. Sie fühlen sich beschämt und hilflos zugleich, ihre Familie und ihre Freunde reagieren merkwürdig - das alles lässt sie leiden und an sich sowie ihrem Anderssein verzweifeln. Sie werden häufig depressiv, quälen sich mit Selbstmordgedanken und nehmen Drogen, um die Realität zu vergessen.

Mann-zu-Frau-Transsexuelle (Transfrauen) haben es in ihrer neuen Rolle schwerer als Transmänner. Wenn sich männlich aussehende Transfrauen schminken oder Röcke tragen, wird daran schnell Anstoß genommen - auch, weil sie häufig als biologische Männer zu erkennen sind. Frauen in Hosen und mit eher männlichem Verhalten fallen einfach weniger auf. 

Unterschiedliche transsexuelle Entwicklungen

Die Ursachen für Transsexualität liegen noch immer im Dunkeln. Klar ist nur: Es gibt nicht den typischen Transsexuellen oder die typische Transsexuelle. Die Betroffenen können heterosexuellbisexuelllesbisch oder schwul sein. Doch viele haben schon als Kind das Gefühl, kein richtiges Mädchen oder kein echter Junge zu sein. Andere entdecken erst in der Pubertät ihr Unbehagen am körperlichen Geschlecht. Einige ekeln sich richtig vor ihrer Vulva oder ihrem Penis. Sie wollen sich deshalb so schnell wie möglich operieren lassen. Anderen gelingt es, sich eine Zeit lang mit ihrem angeborenen Geschlecht zu arrangieren. Das betrifft vor allem biologische Männer, die ohnehin Frauen als Partnerinnen bevorzugen. Sie heiraten, bekommen vielleicht Kinder, bis sie später doch ihrem inneren Drang folgen und sich öffentlich zu ihrem Anderssein bekennen.

Wie viele Transsexuelle es in Deutschland gibt, ist nicht sicher. In den meisten Fachaufsätzen  ist die Rede von 6000 bis 7000 Menschen, die einen Geschlechtswechsel wünschen und deshalb ärztlich behandelt werden. Organisationen von Betroffenen gehen dagegen davon aus, dass die Zahl zehnmal größer ist. Denn es gibt eine hohe Dunkelziffer, längst nicht alle Transidente entscheiden sich für eine Hormontherapie oder geschlechtsangleichende Operation. Rund 15.000 Menschen haben in Deutschland seit 1995 per gerichtlichen Entscheid nach dem Transsexuellen Gesetz ihre geschlechtliche Identität gewechselt.

   

 Psychosoziale Erklärungsmodelle

Warum einige Menschen den unbezwingbaren Wunsch haben, ihr körperliches Geschlecht zu wechseln - darüber rätseln Forscher seit vielen Jahrzehnten. Im Kern geht es um die Frage, ob das Gefühl für das eigene Geschlecht im Alltag, in der Schule und Familie erlernt wird, oder ob es angeboren ist. Bis in die 1970er Jahre vermuteten Fachleute, dass die Ursachen für Transsexualität in der frühen Kindheit lägen. Je nach Theorieansatz wird über unverarbeitete Trennungsängste, eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung oder falsche Erziehungsmethoden spekuliert. Als hauptsächliche Ursache gelten demnach einerseits depressive und überbehütende Mütter, anderseits passive oder abwesende Väter, die nicht als männliche Rollenvorbilder taugen.

So führten Lernpsychologen wie der amerikanische Sexualforscher John Money und sein britischer Kollege Richard Green das Problem auf eine Fehlprägung in der Kindheit zurück. Aus ihrer Sicht wird durch das Erlernen der falschen Geschlechtsrolle in den ersten Lebensjahren auch die Geschlechtsidentität unauslöschlich als weiblich oder männlich programmiert. Das kann geschehen, wenn Eltern eigentlich lieber ein Kind mit dem anderen Geschlecht haben wollen und ihren Sprössling entsprechend erziehen - wenn sie beispielsweise ihrem Sohn Kleider anziehen und darauf hinwirken, dass er sich wie ein Mädchen verhält. Allerdings sind all diese Vermutungen nicht bewiesen. Und diese Hypothesen können auch nicht erklären, warum so viele Transsexuelle aus Familien stammen, in denen es keine Auffälligkeiten bei den Eltern oder in der Erziehung gibt. 

Biologische Erklärungsmodelle
Nervenknoten im Gehirn: 
Als Wegbereiter biologischer Erklärungsansätze gilt der deutsch-amerikanische Sexualforscher Harry Benjamin, der Transsexuelle schon in den 50er Jahren mit Hormonen behandelte. Er hielt Transsexualität nicht für eine psychische Störung, sondern vermutete körperliche Ursachen - eine Vermutung, mit der sich vor allem Neurobiologen seit Jahren befassen. Gesucht wird so etwas wie ein Geschlechtsidentitätszentrum im Gehirn. Die Forscher haben auch schon einen geeigneten Kandidaten gefunden: einen kleinen Nervenknoten im Zwischenhirn, von dem bekannt ist, dass er zumindest bei Ratten das Sexualverhalten steuert: den sogenannten Bed Nucleus der Stria Terminalis (BST). Dieses Zellbündel scheint bei Männern größer und dichter zu sein als bei Frauen. Wissenschaftler am Institut für Hirnforschung in Amsterdam untersuchten die Gehirne von sechs verstorbenen Mann-zu-Frau-Transsexuellen und fanden in der verdächtigen Region Strukturen, die sie eher als weiblich ansahen. Doch die 1995 veröffentlichte Studie ist kein Beweis: Erstens reicht die Untersuchung von sechs Gehirnen nicht aus, die Fallzahl ist viel zu gering. Zudem muss das, was bei Ratten stimmt, nicht auch für den Menschen gelten. Und: Bei Transidenten geht es nicht um Sexualverhalten, es geht um Geschlechtsidentität.               

Hormonelle Einflüsse: 
Hormonexperten verfolgen eine andere Spur. Danach könnte ein Ungleichgewicht an Geschlechtshormonen  während der vorgeburtlichen Phase für Transsexualität mitverantwortlich sein. Der Neuroendokrinologie Professor Günter Karl Stalla vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie glaubt, einen Beleg für diese Hypothese gefunden zu haben. Stalla und sein Team bestimmten das Verhältnis von Zeige- und Ringfinger bei über hundert Transsexuellen. Männer haben in der Regel etwas längere Ring- als Zeigefinger, vermutlich als Folge des männlichen Geschlechtshormons Testosteron. Bei Frauen sind meistens beide Finger nahezu gleich lang. Die Münchner Wissenschaftler ermittelten, dass die Fingerlänge von Transfrauen etwa der von heterosexuellen Frauen entsprach. Sie schlossen daraus, dass biologisch männliche Transsexuelle schon während ihrer Entwicklung als Embryo weniger Testosteron ausgesetzt waren und sich deshalb im Gehirn ein weibliches Geschlechtsempfinden ausgebildet hat. Andere Studien konnten diesen Befund allerdings nicht bestätigen. Es wird außerdem angenommen, dass nicht nur die Geschlechtshormone, sondern mehrere Faktoren das Knochenwachstum beeinflussen. Daher gilt der Vergleich von Fingerlängen unter Fachleuten als zweifelhaft, zudem ist noch immer unklar, welche Auswirkungen Testosteron im Gehirn von Embryos wirklich hat. 

Gen für Transsexualität: 
Australische Sexualforscher präsentierten 2008 sogar ein Gen für Transsexualität. Sie stießen im Erbgut von Transidenten, die als Mann geboren wurden, besonders häufig auf ein überlanges Gen für die Ausbildung von Testosteron-Rezeptoren. Diese Rezeptoren spielen eine entscheidende Rolle dabei, ob das männliche Sexualhormon im Körper etwas steuern kann oder nicht. Das überlange Gen, so spekulieren die Wissenschaftler, könnte dazu führen, dass bereits Föten im Mutterleib weniger Testosteron bilden und dass dadurch eine transsexuelle Neigung begünstigt wird. Gegen diese Theorie spricht allerdings, dass nicht alle untersuchten Transsexuellen die überlange Genvariante besaßen. Und auch bei Frau-zu-Mann-Transsexuellen fanden die Forscher keine vergleichbare Abweichung. So schränkten die Autoren der Studie selbst ein, dass ihre Entdeckung nicht allein die Entstehung von Transsexualität erklären könne.

Letztlich gilt für alle biologischen Erklärungsversuche: Es gibt Indizien, aber keine Beweise. Zwar ist die große Mehrheit der Betroffenen von einem angeborenen 'Gehirngeschlecht' fest überzeugt. Doch die meisten Experten glauben heute, dass Transsexualität das Ergebnis einer komplexen Entwicklung ist, bei der beides - Biologie und Umwelt - zusammenwirken.

  

Voraussetzungen für die Geschlechtsangleichung 
Alter: 

Höchstens jeder zweite Transsexuelle wünscht sich eine Operation. Immer häufiger sind es jedoch Teenager oder sogar Kinder, die mit ihren Eltern auf eine medizinische Behandlung drängen. Sie fürchten sich vor den unumkehrbaren Folgen der Pubertät. Breite Schultern, Bartwuchs, ein männlicher Bass - all dies sind Merkmale eines als falsch empfundenen Geschlechts, gegen die das Skalpell später nichts mehr ausrichten kann. Mitunter schlucken schon Zwölfjährige Hormone, um die körperlichen Veränderungen aufzuhalten.

Die Ärzte stehen vor einem Dilemma: Einerseits drängt die Zeit. Andrerseits können sie sich gerade bei Pubertierenden nicht sicher sein, ob wirklich eine Transsexualität vorliegt. Mitunter steckt hinter dem Wunsch nach einem Geschlechtswechsel auch ein ganz anderes Problem - eine seelische Störung, sexueller Missbrauch oder frühe Anzeichen einer Homosexualität.

  

Außerdem kann die Pubertät wegen gesundheitlicher Risiken nur für einen begrenzten Zeitraum aufgeschoben werden, bevor sich die oder der Jugendliche endgültig für oder gegen eine Operation entscheiden muss. In Deutschland sind so weitreichende medizinische Maßnahmen bei unter 18-Jährigen nur in Ausnahmefällen erlaubt. Ob sie überhaupt zu verantworten sind, darüber streiten sich die Experten noch.